In seinem 2017 postum veröffentlichten Werk „Retrotopia“ nimmt der Soziologe Zygmunt Bauman gegenwartsdiagnostisch und zeitkritisch wahr, dass Menschen der „westlichen“ Gesellschaften zunehmend die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufgeben und sich stattdessen einer idealisierten Vergangenheit zuwenden. Eine solche Rückschau kann Rückschritt bedeuten und im schlimmsten Fall autoritäre Muster reaktivieren, sie kann aber auch im besseren Fall vergessene Potentiale gemeinsamer Geschichte zu Tage fördern und so eine neue Zukunft ermöglichen.
Eine solche Hoffnung auf die Vergangenheit ist aber kein völlig unbekanntes Phänomen. Bereits in den Umbrüchen der Frühen Neuzeit richtete sich der Blick vieler Theologen und Reformer zurück auf die gemeinsamen Ursprünge. Die „Urkirche/Urgemeinde“ („ecclesia primitiva“) wurde dabei häufig zum Muster, das als Kontrast zur Gegenwart („ecclesia moderna“) aufgerufen wurde und somit kritisch und korrektiv wirkte. Die Erinnerung an die gemeinsamen Anfänge hatte aber auch immer das Potential zu Verständigung und Einheit. Zugleich gab es aber auch erhebliche zeitgenössische Kritik gegenüber der Beanspruchung einer autoritativen Frühzeit zur Gestaltung der Gegenwart.
Mit diesem Fokus auf den komplexen Zusammenhang von Reform und Rückblick richtet sich der Fokus der Tagung auf die kirchlichen Umbrüche in der Frühen Neuzeit, insbesondere der Reformationszeit als wichtiger Etappe, und ihrer Vorbereitung im Spätmittelalter und der Patristik. Sie versucht auszuloten mit welchen Geschichtsmodellen, aber auch mit welchen Gestaltungspotentialen das ekklesiologische Konzept „ecclesia primitiva“, welches bereits von Augustin, Johannes Cassian und anderen eingeführt worden war, in der beginnenden Frühen Neuzeit wirksam war.
Der frühneuzeitliche Rückgriff auf spätantike und patristische Vorstellungen und Texte verschafft dabei einen Einblick in die Orientierungssuche dieser Epoche bei zugleich höchst divergenten politischen und kirchlichen Interessenlagen und theologischen Inanspruchnahmen.
Inhaltlich und organisatorisch wird die Tagung in einem Kooperationsprojekt der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (FB 01: Evangelisch-Theologische Fakultät; Seminar für Kirchen- und Dogmengeschichte; Lehrstuhl: Univ.-Prof. Dr. Ulrich Volp) und der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten (Leitung: Prof. Dr. Christian Neddens) verantwortet. Dr. Thomas Klöckner und Prof. Dr. Christian Neddens sind für die Durchführung und Organisation verantwortlich. Die Tagung ist international besetzt, die fachwissenschaftlichen Referent:innen kommen aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark und den USA.
Freitag, 08. Mai 2026
ab 13.00h Ankommen
13.30h Begrüßung durch Oberbürgermeister Nico Morast
Panel 1: Grundlegende Orientierungen im Forschungsfeld
14.15h–14.45h Inhaltliche Einführung in die Tagung durch Christian Neddens & Thomas Klöckner: Retrotopia – auf der Suche nach der wahren Identität der Kirche
14.45h–15.30h Prof. Dr. Ulrich Volp (Mainz), „εἶχον ἅπαντα κοινά: Das Ethos der Urgemeinde und ihre Bedeutung für die patristische Ethik“
15.30h–16.00h Kaffeepause
Panel 2: Vorbereitung und Ausformung der frühneuzeitlichen Konzeptualisierung
16.00h–16.45h Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel (Elstal/Berlin), Reenactment des Urchristentums in der Brüderunität und im Täufertum
16.45h–17.30h Prof. Dr. Anna Vind (Kopenhagen), Die „ecclesia primitiva“ in der Theologie Martin Luthers
18.00h Abendessen
19.30h Öffentlicher Abendvortrag mit der Möglichkeit zur Aussprache: Dr. Verena Hammes (ÖC Frankfurt), Die Bedeutung des Rekurses auf die „Urkirche“ in aktuellen ökumenischen und kirchenpolitischen Entwicklungen
21.00h Empfang/Ausklang
Samstag, 09. Mai 2026
Panel 3: Konkretisierungen und Manifestierungen des Konzeptes
09.00h–09.45h Prof. Dr. H. Ashley Hall (Omaha/NE), The concept of the Primitive Church within Melanchthon’s theology
09.45h–10.30h Ass. Prof. Dr. Jan van de Kamp (Amsterdam/Apeldoorn), The Primitive Church in the „Declamations“ at Wittenberg University during the 16th century
10.30h Kaffeepause
11.00h–11.45h Prof. Dr. Stefan Michels (Frankfurt), Die Magdeburger Zenturien (Matthias Flacius) und deren Rekurs auf das Konzept der „Urkirche“
11.45h–12.30h Prof. Dr. Johanna Rahner (Tübingen), Schrift, Tradition und das Problem der Geschichte: Eine katholische Perspektive
12.30h–13.00h Abschlussdiskussion
13.00h Abschluss der Tagung
Die Tagung findet im Melanchthonhaus Bretten statt. Weitere Informationen findet man auf der Website des Hauses (klicken).
Die Anmeldung erfolgt über Frau Barbara Östreicher von der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten. Der Anmeldeschluss ist der 24. April 2026.
Kontakt: oestreicher@melanchthon.com
Die Tagungsteilnahme ist abgesehen vom Abendessen am 8. Mai 2026 kostenlos. Wenn Sie am Abendessen teilnehmen möchten, entstehen Kosten in Höhe von 20,- Euro. Bitte bei der Anmeldung angeben.
Der Betrag ist bei der Tagung bar zu bezahlen.
Zwecks etwaiger Übernachtungsmöglichkeiten wenden Sie sich bitte an Frau Östreicher.
